25.11.05

DAS kann man essen?? Teil 2

Chips and gravy, mushy peas und deep fried Mars bars in Sheffield

Damals, 1995 in Sheffield, war ich im Himmel. Gut, für viele mag der Himmel nicht aussehen wie auf dem nebenstehenden Bilde aber, liebe Leserschar: content before form! Jedenfalls meistens. Sheffield war (ist) eine Stadt nach meinem Geschmack: freundliche Menschen, gute Pubs, ein paar gute Clubs zum Weggehen und (damals zumindest) jede Menge bunter Pillen die einen ganz wuschig machten. In Sheffield lebte ich mit netten Leuten in einem pitturesk zusammenfallenden Haus, dessen unberechenbare und hochgradig launische Gasheizung (natürlich in Form eines künstlichen Kaminfeuers im maroden Wohnzimmer) meine durch die Bank nordenglischen Mitbewohner zu recht unschönen und groben Wortspielen animierte. Wenn ich mich recht erinnere, kamen die Begriffe "Gas", "Deutscher", "sterben" und "ironisch" darin vor. Des Wochenendes verlagerte (Achtung: bilinguales Wortspiel!) unsere testosterongesättigte WG ihr Sozialleben bevorzugt in unseren local. Der lag zwar dummerweise in Messerwurfweite des The Manor genannten Ghettos (das zumindest damals tatsächlich richtig derbe war und auch heute keinen richtig guten Ruf genießt), hatte aber den entscheidenden Vorteil, direkt neben dem besten chippie der Stadt zu liegen. Und in diesem wurde ich eingeweiht in die elysischen Gefilde nordenglischen post-pub foods.

An meinem ersten Abend in Sheffield war ich ob der dräuenden Hochhäuser des Manors noch irritiert, doch wurde meine höfliche aber bestimmte Nachfrage - "What the fuck is that shit over there?" - von meinem neuen Mitbewohner Will altersmilde mit "That's where the overweight working classes clash in the shadow of the tower blocks" zufriedenstellend beantwortet. Und wir hatten auch nie Ärger, aber immer Hunger nach einer ordentlichen sesh. Und um 23 Uhr jeden Freitag ("DINGDING! Time, gentlemen, please drink up!") schauten wir uns an und sagten: "Chippie?". Andere Jungmänner irrten wirren Blickes herum, verzweifelt jagend nach Geschlechtsverkehr oder, falls die anwesenden Frauen dieses unwiderstehliche Angebot unverständlicherweise ablehnen sollten, wahlweise auch gerne nach einer rough and ready Parkplatzhauerei. Wir hingegen begaben uns nach nebenan und orderten je eine Portion Chips mit Bratensauce, Erbsenpüree und ein frittiertes Mars. Mmmmmmmmmmmh.

Die Chips kamen aus einem Sud, der mit dem von der Zuggermuddi ersonnenen Begriff "Brodelnder Bolem" exakt beschrieben wird. Die Bratensauce hatte auf sicher noch nie einen Braten gesehen und glich in ihrer trägen Konsistenz einer Art kulinarischen Urschlamms, so wie sie da in einer Metallwanne in der bain marie vor sich hin litt und ab und an verzweifelte Blasen aufwarf wie einen letzten Luftzug. Das Erbsenpüree war algenteppichgrün, von fragwürdiger Machart und schmeckte nach allem, nur nicht Erbsen. Das frittierte Mars ("the working man's dessert", wie Martin nicht müde wurde zu erwähnen) war... unbeschreiblich.

So saßen wir jeden Freitagabend auf den Stufen vor'm chippie, die Hände gewärmt von fettigen Pappschachteln. Der Furor der in uns hineingekippten Alkoholika wich langsam einer samtenen Gelassenheit, ab und an fuhr ein Polizeiauto mit Blaulicht und Sirene vorbei und wir wußten, genau an der richtigen Stelle zum richtigen Zeitpunkt am Leben zu sein. Morgen würden wir auschlafen können und mit einer Tasse Tee in der Küche sitzen und den Kater streicheln. All das wußten wir genau, jeden Freitagabend, vor'm chippie. Wir aßen chips and gravy, mushy peas und deep fried Mars bars.

Es war das beste Essen der Welt.

[photo credits: Sheffield from www.fotonostra.com, chips and gravy via the undiscussable realms, mushy peas from www.freedigitalphotos.net, and the deep fried Mars bar via www.telescreen.org. Gracias and cheers.]